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Rapport de séjour d’études - Björn Brömmelsiek, été 2010

Erfahrungsbericht zur Studienfahrt „From Coal to Culture : The Ruhrgebiet in Transition“

Meine Erwartungen an diese Studienreise waren sehr hoch, ging es doch um die Region, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe mir neue Einblicke in und Perspektiven auf eine Region erhofft, der ich vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hatte. Was hatte sich verändert ? Würde der Strukturwandel, wie er oft in der Presse gelobt wurde, sichtbar sein ? Was sind die größten Herausforderungen für diese Region und was bedeutet es eigentlich, dass mit Essen eine Ruhrmetropole Kulturhauptstadt 2010 ist ?

Durch die freundliche Unterstützung des DAAD und des Centre canadien d’études allemandes et européennes mit einem Stipendium konnte ich dann tatsächlich an dieser Studienfahrt teilnehmen.

Das Programm war sehr straff und die Tage dauerten manchmal von 8.00 Uhr morgens bis 21.00 Uhr abends. Aber dafür waren die Besuche, Aktivitäten und Diskussionsrunden so vielfältig und abwechslungsreich, dass das Interesse der Teilnehmer stets wachgehalten wurde. Die besuchten Orte lassen sich sehr grob in drei Kategorien aufteilen :

1. Alte stillgelegte Industrieanlagen wie z. B. Kokereien, Zechen oder Stahlhütten, die einer neuen Funktion zugeführt wurden.

2. Kultureinrichtungen und Bildungsstätten, die mit dem Ruhrgebiet und seiner Geschichte verbunden sind.

3. Erkundigungen von Städten des Ruhrgebiets sowie seiner kulturellen Sehenswürdigkeiten per pedes oder mit dem Fahrrad.

Nun zu meinen Fragen. Was hatte sich verändert im Ruhrgebiet ? Dabei fiel zuallererst auf, dass man – egal ob wir uns nun in Dortmund, Essen, Bochum oder Duisburg bewegten – manchmal den Eindruck hatte, man befände sich auf einer einzigen großen Baustelle. Geradezu so, als sei der Pott noch nicht fertig konstruiert. Überall wird ausgebessert, erneuert oder abgerissen und komplett neugebaut. Dies sicher nicht zum Nachteil einer Region, die immer noch mit dem veralteten Image kämpfen muss, dass die weiße Wäsche auf der Leine schwarz vom Kohlenstaub wird. Zumal viele Nachkriegsbauten auf Funktionalität, weniger auf Ästhetik ausgelegt waren. Mit anderen Worten : Es gibt – oder bald : gab ? – viele Architektursünden, die nun beseitigt werden. Auch um Anreize zu schaffen, gut ausgebildete Bürger ins Revier zu locken. All das sind ganz sicher Zeichen des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Womit zur zweiten Frage übergeleitet wäre.

Wie macht sich der Strukturwandel sichtbar ? Wie bereits oben erwähnt, sind Baustellen, dies auch im übertragenen Sinne, ein sicheres Indiz für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Ebenso Essen bzw. die Metropole Ruhr als Kulturhauptstadt sind ein deutliches Zeichen für den Strukturwandel, weil hier das Bild des Ruhrgebiets verändert und diversifiziert wird : Nicht nur ‚Prollkultur’, nein auch Hoch- und Popkultur findet sich massiert im Ruhrgebiet wie sonst nirgendwo in Deutschland, zumindest – aber nicht nur – den blanken Zahlen nach. Gleiches lässt sich in der Abkehr von der Montanindustrie hin zur Dienstleistungsgesellschaft erkennen. Aber Strukturwandel kann sich auch zum Negativen hin ereignen. Hohe Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, durch den Wegfall der alten Industrien. Nicht zu vergessen diejenigen, die von dem Geld der Arbeiter ihr Geschäft unterhielten. So gibt es ganze Stadtteile, zumeist alte Arbeitersiedlungen, die von extrem hoher Arbeitslosigkeit, Bildungsarmut und einem überdurchschnittlich hohen Migrantenanteil geprägt sind. Die Kontraste innerhalb der Region verschärfen sich dadurch. Damit zur letzten Frage.

Was ist die größte Herausforderung des Ruhrgebiets im 21. Jahrhundert ? Global könnte man diese größte Herausforderung mit der ‚Transgression vom alten Kohlenpott zur neuen Metropole Ruhr’ überschreiben. Im Detail bedeutet das vor allem, das finanzielle und intellektuelle( !) Auseinanderdriften der Menschen im Ruhrgebiet aufzufangen. Und das alles unter Wahrung der für das Ruhrgebiet typischen und bewahrenswerten Charakteristika (Ehrlichkeit, Direktheit, Bescheidenheit, Fleiß, Unkompliziertheit etc.). Das Schlüsselwort ist hier Bildung. Denn ohne (Weiter)Bildung gibt es für viele, die zuvor in der alten Industrie gearbeitet haben, kaum Chancen wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Gleichzeitig fehlte es der nachwachsenden Generation an Vorbildern und Orientierung. Wird dieser Aufwand nicht betrieben, sehe ich die Perspektiven des Ruhrgebiets für das 21. Jahrhundert weniger rosig. Gelingt dies aber, wird die Metropole Ruhr einer der interessantesten Regionen Deutschlands und Europas. Egal ob für Wirtschaft, Kulturschaffende oder neue Einwohner.