revue Eurostudia-Le Centre canadien d'�tudes allemandes et europ�ennes
START Vorangehende Nummern Ausgewählte Themen Kontakt

Europäisierung ALS Globalisierung

English | français

Intellektuelle aller Länder: na ja, vereinigt sind sie nicht unbedingt, aber viele, besonders in Europa, teilen die Neigung, den USA den Vorwurf zu machen, sie würden die Weltordnung schamlos ihren Vorstellungen unterwerfen. Wenn es ihnen nicht gelinge, dies im Rahmen der von ihnen dominierten internationalen Institutionen wie IWF und Weltbank zu erreichen, so würden sie eben nötigenfalls ihre Muskeln spielen lassen – oder einfach Ernst machen. Im Gefolge der Publikation von Empire (Harvard University Press 2000), dem Gemeinschaftswerk von Antonio Negri und Michael Hardt, hat diese Neigung meinem Eindruck nach noch zugenommen. Gleichwohl hatten die Autoren schon im Vorwort zu ihrer Arbeit hervorgehoben: „The United States does not, and indeed no nation-state can today, form the center of an imperialist project.“ (Op. cit., xiii) Auch wenn das soeben Gesagte nicht als Relativierung oder gar Entschuldigung der Selbstgefälligkeit, ja auch Verlogenheit der amerikanischen Politik missverstanden werden soll, so geht es in dieser Ausgabe von EUROSTUDIA. Transatlantische Zeitschrift für Europaforschung um etwas anderes.

Frankreich ist ein schönes Land, in dem die Beziehungen zwischen Intellektuellen und Politikern bisweilen enger sind, zumindest scheinen, als dies andernorts der Fall ist. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, weshalb die oben genannte USA-Kritik dort auffallend gerne auch von exponierten Politikern vorgetragen wird. Das fiel besonders auf im Rahmen und am Rande der Beratungen des „Europäischen Konvents“ zur Ausarbeitung einer mittlerweile auf Vertragsformat geschrumpften Europäischen Verfassung. Dort wurde Europa – und damit natürlich auch das in Zivilisationsfragen missionarisch tätige Frankreich – gerne als letzte Bastion im Kampf gegen die Globalisierung amerikanischen Stils vorgeführt. Diese Darstellung, wenn sie nicht ohnehin rein propagandistischen Motiven entspringt, ist jedoch auch in ihrer ernster gemeinten Version geeignet, Europas sehr aktive Rolle bei der Festlegung der terms of trade nicht nur des internationalen Zahlungsverkehrs vergessen zu machen.

Der gemeinsame Wirtschafts- und Handelsraum der heute siebenundzwanzig Mitgliedsländer umfassenden Europäischen Union zählt annähernd 500 Millionen Bürgerinnen und Konsumenten. Auf Grund seines hohen Integrations- und Diversifikationsgrades ist dieser „Europäische Binnenmarkt“ eine der entscheidenden Regionen und Einflusszonen nicht nur für die transatlantischen Handels- und Investitionsströme, sondern für die Globalisierung überhaupt (vgl. zum Beispiel Neil Fligstein/Frédéric Mérand, „Globalization or europeanization? Evidence on the European economy since 1980”, in: Acta sociologica 45 (2002), pp. 7-22). Machen wir uns also nichts vor: Europa hat keineswegs eine Art zweite (oder dritte, vierte…) Unschuld zurückgewonnen nach den Ungeheuerlichkeiten der Zeit der Entdeckungen und des Kolonialismus. Es fährt vielmehr fort, seine Interessen unbeirrt und zielstrebig auf internationaler Ebene durchzusetzen: gelegentlich im Windschatten der USA, aber im Grunde durchaus eigenständig und offensiv.

Angesichts dieser Situation widmen sich die beiden folgenden Ausgaben von EUROSTUDIA der Analyse verschiedener Aspekte der „Europäisierung“ im globalen Kontext. Die vorliegende Ausgabe konzentriert sich dabei auf die sogenannte Doha-Runde der Welthandelsorganisation. Die ersten acht Aufsätze behandeln einzelne Aspekte dieses Prozesses und sind hervorgegangen aus einer internationalen Konferenz zum Thema. Sie fand statt im März 2007 an der University of British Columbia in Vancouver unter Leitung von Kurt Hübner, dessen Beitrag in die Problematik einführt. Drei fallstudienartige Aufsätze ergänzen diesen thematischen Kern des vorliegenden Heftes. Die nächste Ausgabe von EUROSTUDIA wird sich speziell dem Verhältnis Afrika – Europa widmen.

Dietmar Köveker
(Herausgeber)