revue Eurostudia-Le Centre canadien d'�tudes allemandes et europ�ennes
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Editorial

Jg. 2, Nr.1, September 2006
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Die politische Bedeutung der Europäischen Union nimmt beständig zu. Mit jedem Schritt zu weiterer Vernetzung und Koordination der außen- und sicherheitspolitischen Maßnahmen ihrer Mitgliedsländer wächst das Einflusspotential der EU im internationalen Spiel der Kräfte, das bekanntlich nur allzu ernst ist. Wenn auch der Versuch, diese Koordinationsbemühungen im Rahmen des „Vertrags über eine Verfassung für Europa“ durch die Einführung eines EU-Außenministers sowie eines ständigen EU-Ratspräsidenten substanziell voranzutreiben, durch das Nein der Franzosen und der Niederländer einstweilen auf Eis gelegt wurde, so ändert das wenig an der genannten Zunahme der politischen Bedeutung der Europäischen Union. Der soeben wie auch immer vorläufig beendete Krieg im Libanon und die Bemühungen zur Beilegung des Konflikts zwischen Israel und der Hisbollah haben das erneut gezeigt. Auch wenn letztlich Amerikaner und Franzosen die UN-Resolution 1701 in New York ausgearbeitet haben, so war die Europäische Union unter anderem in Gestalt ihres „Hohen Repräsentanten für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik“ Javier Solana doch aktiv an den vorbereitenden Gesprächen zur Beilegung des Konflikts beteiligt und erfolgte die Verhandlungsführung Frankreichs doch in enger Abstimmung mit seinen europäischen Partnern.

Freilich betrifft dies alles nur einen Aspekt der „politischen Bedeutungen Europas“, wie das Schwerpunktthema dieser dritten Ausgabe von EUROSTUDIA. Transatlantische Zeitschrift für Europaforschung lautet. Soll die mit dieser Themenstellung signalisierte Problematik nicht im Sinn traditioneller und unterkomplexer Auffassungen von „politischer Bedeutung“ reduziert werden, muss sich das Interesse nicht nur auf politische Akteure und Institutionen richten, sondern auch die diskursive Dimension ihrer Interventionen, Legitimationspraktiken usw. untersuchen. Der Bezug auf „Europa“ als Synonym für ein bestimmtes Verständnis von Geschichte, spezifische Vorstellungen politischer Ordnung sowie besondere kulturelle Werte spielt in diesem Zusammenhang eine herausgehobene Rolle.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Erweiterung des Fokus der in diesem Heft verfolgten Fragestellung von der Europäischen Union auf „Europa“ schlechthin und die damit verbundene Überführung des Leitbegriffs in den Plural „politische Bedeutungen“. Denn Europa ist erstens nicht deckungsgleich mit der Europäischen Union, auch wenn der genannte Vertragsentwurf sich als einer „für Europa“ ausgibt (obwohl nur die EU-Mitgliedstaaten abstimmungsberechtigt sind); und zweitens weist der Bezug auf „Europa“ zur Legitimation der Macht- und Interessenpolitik verschiedener politischer Akteure eine lange Geschichte auf, die gut und gerne ein halbes Jahrtausend zurückreicht, woran verschiedene Beiträge dieser Ausgabe noch einmal erinnern.

Die so verstandene Problematik war denn auch das Thema eines Werkstattgesprächs, das unter Anregung und Leitung von Jens Badura und Andreas Niederberger am 24. und 25. November 2005 in Rüdesheim am Rhein stattfand. Dort trugen Politikwissenschaftler, Philosophen, Juristen, Historiker und Soziologen ihre Überlegungen zur politischen Relevanz der vielfältigen Bezugnahme auf „Europa“ vor. Fünf dieser Beiträge bilden nun den Kern der vorliegenden Ausgabe von EUROSTUDIA: Olaf Asbach geht der historischen Semantik des Bezuges auf „Europa“ nach, Burkhard Liebsch und Oliver Marchart beleuchten verschiedene paradoxe Aspekte in Europas Diskurs über sich selbst, Andreas Niederberger fragt nach dem Verhältnis von Europäisierung und Kosmopolitismus, und mein eigener Beitrag schließlich befasst sich mit der Rolle, die die Bezugnahme auf „Europa“ im Rahmen der Besiedlung des „Neuen Frankreich“, also des heutigen Kanada bzw. Québec spielte. Ergänzt werden diese fünf Artikel durch einen Aufsatz von Alain Deneault zum darwinistischen „Erbe“ der EU-Politik sowie einen Beitrag von Thomas Dommange, der sich mit der Möglichkeit einer ästhetischen Deutung und Auflösung des Problems der territorialen Uneindeutigkeit der Grenzen Europas - oder seiner Grenzenlosigkeit? - befasst.

Dietmar Köveker
Herausgeber