revue Eurostudia-Le Centre canadien d'�tudes allemandes et europ�ennes
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Editorial

Jg. 1, Nr. 2, Dezember 2005
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Men went looking for Europe, and couldn’t find it anywhere ?

In dem klassischen road movie des amerikanischen Kinos „Easy Rider“ (USA, 1969) begeben sich Wyatt (Peter Fonda) und Billy (Denis Hopper) mit der Handvoll Dollars, die ihnen ein Drogendeal einbrachte, auf eine Reise quer durch die USA. Der Trip auf ihren Motorrädern führt sie von Kalifornien zu einem unbestimmten Ort irgendwo im Osten. Sie begegnen Vertretern unterschiedlichster Milieus, durchqueren ebenso beeindruckende wie abwechslungsreiche Landschaften und sehen sich mit sehr vielfältigen Verhaltensweisen und Normensystemen konfrontiert. Ihr Traum von „freedom“ bringt sie dabei zusehends in Konflikt mit der Rigidität der amerikanischen Gesellschaftsordnung: einmal finden sie sich sogar hinter Gittern, weil sie spontan an einem Mardi gras-Umzug teilnahmen, was für die Ordnungskräfte einen Fall von “parading without a permit“ darstellt. Der Film endet damit, dass Wyatt (Earp...) und Billy (the kid...) in klassischer Western-Manier von einem Vertreter des konservativen ländlichen Milieus über den Haufen geknallt werden. Dabei war der Trip der beiden erkennbar eine Suche danach, was Amerika ist bzw. darstellt: Wyatts Spitzname lautet „Captain America“, auf seinem Motorrad prangt an verschiedenen Stellen die amerikanische Flagge, und die stars and stripes auf dem Rücken seiner Lederjacke sind omnipräsent im Film. Gleichwohl lautet dessen Credo bzw. Fazit, wie es seinerzeit auf den Kinoplakaten zu lesen war, mit denen für ihn geworben wurde: „A man went looking for America, and couldn’t find it anywhere“.

Der Film lässt sich ohne weiteres als eine Parabel auf die seit einigen Jahren intensivierte Suche nach der Identität der Europäer ansehen. Es scheint, als wachse proportional zu der ökonomischen, rechtlichen und politischen Konkretisierung und Realisierung des „Projekts Europa“ das Bedürfnis nach einer Antwort auf die Frage, worin denn nun die kulturellen Grundlagen dieses Projekts bestehen. Daher die Intensivierung des Diskurses bzw. der Diskurse über die europäische Identität, die Europeanität oder auch: „die Europaidee“. Aber lässt sie sich finden - im Singular?

Die vorliegende Nummer von EUROSTUDIA will vor dem Hintergrund dieser Problematik einen Einblick geben in die Spannweite der Diskurse über die Europaidee(n), und zwar sowohl unter einem historischen wie normativen Gesichtspunkt (die politischen Aspekte dieser Diskurse, ihre kulturelle Dimension etc.).

Ein solches Vorhaben werden freilich all jene als neuerlichen und nichtsdestoweniger unbrauchbaren Versuch in Ideengeschichte abtun, die die verschiedenen Spielarten - marxistischer, psychoanalytischer, strukturalistischer oder anderer Provenienz - der Kritik schätzen gelernt haben, die eine Reduktion evolutionärer Vorgänge auf das Reich der Gedanken, das Geistige oder die Leistungen des Bewusstseins zurückweist. Kurzum: die die Unhaltbarkeit von Versuchen, das Besondere geschichtlicher Prozesse und Ereignisse im Rückgang auf diese oder jene Idee zu erklären, aufgezeigt haben. Trotzdem unternimmt diese zweite Nummer von EUROSTUDIA unter dem Titel „Die Europaidee: geschichtliche Quellen, politische Interessen, kulturelle Werte“ den Versuch, die Nützlichkeit, ja sogar Notwendigkeit eines solchen Ansetzens bei der Idee im Rahmen einer Zeitschrift zu verdeutlichen, die sich die Analyse der die europäische Integration bestimmenden politischen und kulturellen Faktoren zur Aufgabe gesetzt hat (siehe Editorial zu Nummer 1 von EUROSTUDIA). Und zwar deshalb, weil es eine Sache ist, wie ich oben sagte, das Besondere geschichtlicher Prozesse und Ereignisse auf diese oder jene Idee zu „reduzieren“. Es ist jedoch etwas ganz anderes, ein komplexes und vielschichtiges Phänomen wie die europäische Integration verständlicher zu machen durch die Berücksichtigung seiner diskursiven Dimension, mit dem Ziel seiner möglichst breiten Zurkenntnisnahme und, zu gegebener Zeit, eines möglichst umfassenden Ansatzes zu seiner Erklärung.

Michel Foucault steht kaum in dem Verdacht ein „Ideengeschichtler“ zu sein. Gleichwohl findet sich in einer seiner Analysen des Übergangs vom Paradigma des „Reichtums des Staates“ zum Paradigma „so wenig Staat wie möglich“, also vom Merkantilismus zum klassischen Wirtschaftsliberalismus des 18. Jahrhunderts, unter anderem folgender Passus: „Da zeichnet sich so etwas ab wie eine neue Idee von Europa, ein Europa, das überhaupt nicht mehr das imperiale und karolingische Europa ist, das mehr oder weniger das Römische Reich beerbt und sich auf sehr bestimmte politische Strukturen bezieht. Das ist auch nicht mehr, schon nicht mehr das klassische Europa der Balance, des Gleichgewichts zwischen seinen angestammten Mächten dergestalt, dass niemals die eine der anderen auf entscheidende Weise überlegen wäre. Das ist vielmehr ein Europa der kollektiven Bereicherung, ein Europa als kollektives ökonomisches Subjekt, das, gleich wie die Konkurrenz zwischen den Staaten beschaffen sei oder vielmehr durch diese Konkurrenz hindurch, voranschreitet auf einem Weg des unbegrenzten ökonomischen Fortschritts.“ (M. Foucault, Naissance de la biopolitique, Paris 2004, p. 56) Das ist eine andere Art, die diskursiven „Produktionen“ in Betracht zu ziehen, die mit den Veränderungen und Umgestaltungen der für das soziale und kulturelle Leben einer bestimmten politischen Ordnung entscheidenden „Basis“ einhergehen. Wir hoffen und glauben, dass im Lichte solcher und ähnlicher Überlegungen die vorliegende Nummer von EUROSTUDIA zur Europaidee zu einem besseren Verständnis der damit bezeichneten Problematik beitragen kann.

Dietmar Köveker
Herausgeber